Trendsport Bodyflying: Freier Fall ganz ohne Angst

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Im Jänner 2017 machte ein Youtube-Video von Maja Kuczynska viral die Runde – darin zu sehen eine zierliche junge Dame, die in scheinbarer Schwerelosigkeit atemberaubende Tricks mit zahlreichen Drehungen, Schrauben und Kopfüber-Passagen vollführt. Newtons Gesetze werden einfach ausgeknipst, dachte sich da so Mancher, denn der ästhetische Tanz im Windstrom hätte locker auch von der ISS (Internationale Raumstation) kommen können.

Die 17-jährige Polin ist siegreiche Botschafterin einer Sportart, die seit 2014 rasant an Publicity gewinnt: Indoor Skydiving. In Wien hat mit dem Windobona-Windkanal 2015 der erste und bislang einzige state-of-the-art Windkanal Österreichs eröffnet. Von 24. bis 25.Februar 2017 wurden dort die ersten Österreichischen Meisterschaften im Indoor Skydiving ausgetragen. Ich war dabei und konnte der Bodyflying-Elite ein paar exklusive Einblicke und Anfänger-Tipps entlocken.

Schweben über einem Propeller – Erinnerung an die ersten vertikalen Wind-Tunnel

Vertikale Windtunnel, in denen der freie Fall durch einen schnellen Luftstrom simuliert wird, baute die Luftfahrt bereits in den 1940er Jahren. Bei der Ursprungsvariante blies ein großer Propeller Luft nach oben und in dem entstehenden Wind testete man das Trudel-Verhalten von Objekten. Damit die Gegenstände nicht in den Propeller fielen, wurde ein Sicherheitsnetz zwischengespannt.

Die ersten mobilen Skydiving-Anlagen, die Anfang der 90er-Jahre erstmals das Fliegen von Menschen populär machten (Bodyflying), funktionierten nach dem gleichen Prinzip: Ein offenes Luftsystem. Ein Propeller saugt Luft aus der Umgebung an und bläst diese nach oben, wo sie wieder ins Freie entweicht. Da die Windgeschwindigkeit in mobilen Flug-Anlagen geringer war, wurde ein weiter Anzug getragen, der den Auftrieb des Flug-Gastes vergrößerte.

Leise, geschlossene Kreis-Systeme – Moderne high-tech Windkanäle

Genau dieses Bild hatte ich irgendwie erwartet, als ich im Wiener Prater (Österreich) die Adresse des Windobona Windkanals suchte. Und ich war erstaunt, dass man dort nicht mehr bauchlinks in rotierende Propellerblätter starren musste. Auch die Marshmellow-Suits waren passé. Moderne Vertikaltunnel agieren nach einem geschlossenen Kreis-System. Die Luft wird zwar immer noch von leistungsstarken Turbinen angetrieben, diese befinden sich jedoch nicht mehr unterhalb des Fliegers, sondern in einem gegenüberliegenden vertikalen Rohrsystem.

Der Luftstrom wird also „um die Kurve“ geblasen und vor der eigentlichen Flugkammer nochmal durch einen Trichter verengt, um ihn zu intensivieren sowie gleichmäßig und turbulenzfrei zu halten. Das Ganze ist beeindruckend high-tech – damit der Druck im Kanal gleich bleibt, kann man ihn nur durch eine Druck-Schleuse betreten. Da die Luft nun immer im Kreis geführt wird und nirgends mehr entweicht, ist der Betrieb in modernen Flug-Anlagen energieeffizienter, weniger störanfällig und auch leiser. (Mehr spannende Infos zu vertikalen Windtunnel-Systemen findet ihr auf Wikipedia)

Kontrollstation für Windgeschwindigkeit im Windobona Windkanal Wien

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Eine Druckschleuse hält im Windobona Wien die Luft im geschlossenen Wind-System

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Indoor Skydiving-Hotspots – Vor allem in Frankreich und Polen fliegt man professionell

Durch die rapide Know-How-Entwicklung hat sich in den vergangenen zehn Jahren auch sportlich einiges getan. Indoor-Skydiving wurde einem breiten Publikum zugänglich. 2014 wurde Indoor-Skydiving vom Internationalen Luftsportverband (Fédération Aéronautique Internationale, Abkürzung FAI) als offizielle Sportart ausgerufen und zertifiziert. 2015 wurde die erste Weltmeisterschaft ausgetragen (genannt Wind Games), bei der seither vor allem Frankreich und Polen die Stockerlplätze besetzen. Was wohl vor allem damit zusammenhängt, dass Frankreich mit vier landesweiten Windkanal-Anlagen und Polen mit drei Profi-Anlagen viel Trainingsmöglichkeit bietet (Quelle: Windtunnel-Liste von dropzone.com – Stand 2017).

Zum Vergleich: Deutschlandweit kann seit 2009 in Bottrop (Indoor Skydiving Bottrop) und seit März 2017 in München (Jochen Schweizer Arena) qualifiziert geflogen werden. Ein weiterer Windobona Windkanal wird derzeit Berlin gebaut, die Eröffnung ist für Oktober 2017 geplant. Die Schweiz bietet mit dem Realfly Windkanal in Sitten eine landesweite Flugkammer.

Windobona Windkanal Wien – Eine der modernsten und größten Anlagen Europas

Der europaweit erste Windkanal nach moderner, geschlossener Bauart war jener in Bottrop (Betrieb seit 2009). Die mit 17 Metern damals höchste Flugkammer weltweit gilt auch heute noch als Status-Quo moderner Indoor Skydiving-Technik. Auch die von mir getestete Windobona-Anlage, die in Wien im September 2015 eröffnet hat und als eine der modernsten und sichersten weltweit konzipiert wurde, zählt mit einer Flugkammer von 4,3 Metern Durchmesser und 15 Metern Höhe zu den größten Europas.

Bis zu einer Geschwindigkeit von 280 km/h kann der Wind dort hochgefahren werden. Im gläsernen Flugkanal haben Teams aus bis zu acht Personen Platz – Freunde, Familie oder einfach nur Neugierige können im geräumigen Lounge-Bereich um den Tunnel die Flugsimulationen live mitverfolgen und mitfiebern. Zuschauen ist auf den gemütlichen Sitz-Säcken kostenlos und es muss auch nichts konsumiert werden.

Profis geben Anfänger-Tipps und erklären, worum es beim Indoor Skydiving geht

Vom 24.-25.Februar 2017 fanden im Windobona Wien die ersten Österreichischen Meisterschaften im Indoor Skydiving statt. Ich war mit Kameramann Dominik dabei und habe die teilnehmenden Profi-Athleten um ein paar Einblicke in die junge, beeindruckende Sportart gebeten.

Wie lernt man Indoor Skydiving? Wie läuft ein Einsteiger-Kurs ab? Mit welchen Tricks beginnt man? Wie lange dauert es, bis man Wettkampfniveau erreicht? Und was bedeuten die verschiedenen Handzeichen des Instruktors? Das alles seht ihr in folgendem Video:

Was kostet ein Indoor Skydiving-Anfängerkurs? Und was ist im Preis inkludiert?

Wie Fallschirm-Profi Dominic Roithmair im Video bereits andeutet, ist der Spaß im simulierten freien Fall nicht ganz billig. Windobona Wien bietet unterschiedliche Pakete:

Beispiel für 1 Erwachsenen
49 €       2 x 1 Minute (fly4one)
97 €       2 x 2 Minuten (flydouble)
141 €     3 x 2 Minuten (flytriple)

Kinder fliegen etwas vergünstigt und es besteht auch die Möglichkeit, verschiedene Gruppenpakete zu buchen.

Will man tatsächlich erste Manöver lernen (auf und ab bzw. rechts und links lenken), empfiehlt Anna Bacik, Marketing-Leiterin im Windobona Wien, definitiv ein flytriple. Nach diesen 3 x 2 Minuten beherrscht man alle Basics und erhält ein Sportflieger-Diplom, mit welchem Folgekurse auch günstiger werden. Wer einfach nur das Feeling am Luftstrom erleben will, wird natürlich auch mit einem fly4one oder einem flydouble glücklich.

Ein Anfänger-Kurs im Test – Wie schwierig ist Bodyflying?

Ich selbst habe im Windobona Wien ein flytriple getestet. Mein Feedback und meine ersten Versuche, die Kommandos des Lehrers im Windstrom umzusetzen, könnt ihr euch in diesem Video ansehen:

Wie läuft ein Bodyflying-Anfängerkurs ab? Was ist alles in Preis inkludiert?

Vor der Teilnahme muss ein Gesundheits-Fragebogen ausgefüllt werden. Auch wenn das Fliegen von außen scheinbar schwerelos aussieht, spürt man im Windkanal schnell die geballte Kraft des Luftstroms. Vor allem die Arme werden heftig nach oben gedrückt, was Menschen, die schon einmal eine Schulter-Luxuation hatten, beachten sollten. Auch Wirbelsäulenprobleme sollte man vorab mit dem Personal besprechen, in der Grundposition befindet man sich die ganze Zeit über im Hohlkreuz und auch die Halswirbelsäule wird durch das häufige nach oben Schauen überstreckt (Kopf nach oben bewirkt nämlich, dass man nach unten fliegt).

Vor dem eigentlichen Flug steht dann ein 20-minütiger Infokurs am Plan, wo alle Basics, alle Handzeichen und Dos und Don’ts für die Flugzeit genau besprochen werden. Dieser Kurs ist im Preis inkludiert, genau wie ein Flug-Suit (Ganzkörper-Anzug, der über die eigene Kleidung getragen wird), ein Helm, ein Augen-Windschutz und Ohrenstöpsel (der Lärmpegel innerhalb des Kanals ist nach wie vor sehr laut).

Welche Disziplinen gibt es beim professionellen Indoor Skydiving?

Für alle, die das Flugfieber dann vollends packt – was nach dem Glücksrausch der ersten Versuche durchaus verständlich ist 🙂 – bieten sich folgende Wettkampf-Optionen:

Speed

Bestimmte Tricks müssen in möglichst kurzer Zeit sauber gezeigt werden. Der Schnellste gewinnt. Das Ganze kann alleine oder in Teams durchgeführt werden.

Formationen

Teams aus zwei bis acht Personen zeigen eine Abfolge an Figuren, die grundsätzlich auch Kopfüber-Positionen beinhalten. Ausnahme sind die „Belly“-Disziplinen – hier fliegen die Teilnehmer nur in Bauchlage. In der Belly-Klasse können Anfänger theoretisch schon nach nur zehn Minuten Flugzeit teilnehmen, auch Wettkämpfe für Kinder (ab acht Jahren) finden im „Bauchi“-Modus statt.

Freestyle

Einzelpersonen oder Teams dürfen hier individuell zusammengestellte Küren präsentieren. Selbst erfundene Moves und Tricks sind hier keine Seltenheit, und auch der persönliche Bewegungs-Stil des Fliegers kommt hier, dank musikalischer Begleitung, besonders imposant zum Ausdruck.

Eine Auflistung aller derzeit ausgetragenen Disziplinen findet ihr auf der Website der International Bodyflight Association.

Maja Kuczynska – Ein Viral-Video beeindruckt die ganze Welt

Zur Inspiration, und um zu sehen, auf welchem Niveau Indoor Skydiving derzeit betrieben wird, könnt ihr euch abschließend das anfangs erwähnte Viral-Video von Maja Kuczynska reinziehen. Die 17-jährige polnische Ausnahmefliegerin landete mit ihrer hier gezeigten Solo-Freestyle-Performance bei den Wind Games 2017 auf Platz drei. 2016 konnte sie sich bereits den Vizeweltmeistertitel sichern.

Und auch der Russe Leonid Volkov demonstrierte in den vergangenen Jahren beeindruckende Airdance-Performances.

Wo könnt ihr Bodyflying selbst testen? Die top Indoor Skydiving Locations (Stand 2017)

Deutschland
Indoor Skydiving Bottrop
Jochen Schweizer Arena München
Windobona Windkanal Berlin (Eröffnung Oktober 2017)

Österreich
Windobona Windkanal Wien

Schweiz
Realfly Windkanal Sitten

2017-09-04T11:29:33+00:00 Tags: |

4 Kommentare

  1. Maik 11. Juli 2017 um 14:51 Uhr- Antworten

    Hey,
    komme aus Berlin und bin bei meiner Recherche übers Skydiving in berlin auf deinen Blog gestoßen. Bin schon sehr auf Oktober gespannt 😉

    VG Maik von http://zeitzuhanteln.de/

    • Bernadette Hörner 2. August 2017 um 13:27 Uhr- Antworten

      Hallo Maik! Sorry für die späte Antwort, ich war jetzt 3 Wochen im Urlaub und konnte übers Handy nicht gut ins WordPress einsteigen. Ich finds auch ziemlich cool, dass Berlin jetzt einen Windkanal bekommt!! Seit der bei uns in Wien steht ist das unter Städtern ein großer Trend geworden, fast jeder kennt die Anlage oder war schon mal dort fliegen. In Berlin macht sich sowas unter all den hippen Menschen (kommt mir immer so vor) sicher auch super! Es ist echt was anderes, wenn der Windkanal nicht etliche Fahrstunden entfernt ist, sondern in der eigenen Stadt. Man kann das Fliegen dann wirklich als Hobby betreiben, also schnell mal nach der Arbeit hin und so. Vielleicht willst du dann kurz erzählen, wie dein erstes Flugerlebnis war? Würde mich total interessieren! Lg Bernadette

  2. Rich 7. September 2017 um 12:26 Uhr- Antworten

    Where,and when?

  3. […] meinem Blog-Beitrag „Trendsport Bodyflying: Freier Fall ganz ohne Angst“ habe ich bereits ausführlich über den Boom von Indoor Skydiving berichtet. Wenn das Wetter […]

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