Unmenschlicher Fußball: Die ewigen 120 Prozent

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Vor ein paar Tagen war er wieder da, der Spruch: „Ich erwarte von jedem Spieler, dass er 120 Prozent gibt!“ Aus dem Mund eines namentlich hier nicht angeführten Trainers. Ich frage mich schon rein mathematisch, wie man mehr von etwas rausnehmen kann, als tatsächlich drinnen ist. 100 Prozent sollten doch allemal reichen. Die zusätzlich geforderten 20 Prozent können nur ein klassischer „Wiener Schmäh“ sein, da sie eben gar nicht möglich sind. Aber das ist Fußball-Logik.

Kreative Kicker versus „Wasserträger“

Selbst dort, wo diese theoretischen 100 Prozent permanent abgerufen werden, stellt sich die Frage, wie lange das bei einem Spieler möglich ist. Wahrscheinlich muss man zwischen den verschiedenen Typen unterscheiden. Es gibt begnadete Techniker, die mit wenigen genialen Spielzügen ein ganzes Spiel entscheiden können. Und es gibt jene, die deswegen in der Mannschaft sind, damit sie während der 90 Minuten 15 Kilometer vor und zurück rennen, um dem Gegner den Ball abzujagen, damit die eigenen „Kreativen“ dann wieder etwas Geniales damit inszenieren können.

Erstere werden kein Problem haben, vom Einsatz und Laufpensum her einmal nur 90 Prozent abzuliefern – solange sie ihre Genieblitze nicht im Stich lassen. Letztere, vielleicht vergleichbar mit den sogenannten „Wasserträgern“ im Radsport, müssen ihre Kilometer abspulen und dabei grätschen, beißen und spucken, solange die Knochen halten. Tun sie dies selbst im Trainingsspielchen zweimal oder dreimal nicht, bekommt die nächste Kampfmaschine seine Chance. Diese Spieler sind im wahrsten Sinn des Wortes „austauschbar“ und stehen daher unter enormem Druck.

Panorama eines voll besetzten Fußball-Stadions

Entlastende Rotation erhöht den Druck

Bei renommierten Großklubs verschärft sich die Sache zusätzlich noch durch den größeren Kader und ein bewusst angewandtes Rotationsprinzip, das die Spieler eigentlich körperlich etwas entlasten sollte. Allerdings wird der psychische Druck dadurch sogar noch größer, denn durch die Rotation sind die Einsätze geringer und man muss in weniger Spielen natürlich noch mehr Leistung zeigen um „am Ball“ zu bleiben. Wer ist also in einem Verein in der Lage, die Situation zu überblicken und Überlastungen im Rahmen zu halten?

Die beste Übersicht sollten eigentlich die Trainer haben – nur leider sind das genau diejenigen, die Woche für Woche und Training für Training von jedem Spieler mir noch immer nicht erklärbare 120 Prozent fordern. Somit kann eigentlich jeder Spieler selbst entscheiden, wie viel er zu geben gedenkt – und da sollte man sich auch einmal bewusst mit 75 oder 80 Prozent begnügen. Vielleicht hilft dieses Loslassen, wieder die geistige Lockerheit zu finden, um vielleicht Platz für den einen oder anderen Genieblitz zu schaffen.

Im Alltag gilt das gleiche Prinzip

In der Welt der „Normalmenschen“ ist der Job am Schreibtisch nicht viel anders in dieser Sichtweise. Nicht jedes Meeting oder jede Präsentation muss zu „120 Prozent“ perfekt vorbereitet sein. Die besten Meetings sind oft diejenigen, in denen man vollkommen unvorbereitet war, aber spontan und intuitiv auf eine Situation reagiert und dabei vielleicht die geniale Lösung gefunden hat. Man hat sich dadurch eine Nacht an Vorbereitung erspart, viel gesunden Schlaf gewonnen und trotzdem Geniales erreicht.

Also liebe Fußballtrainer, ihr Dompteure unserer modernen Gladiatoren, lasst einmal den fragwürdigen Spruch von den „120 Prozent“ Leistung in den Interviews weg und betrachtet euer „Spielermaterial“ von der menschlichen Seite! Denn niemand (auch kein Fußballspieler) kann in irgendeinem Job der Welt permanent 100 Prozent geben. Und schon gar nicht die viel zitierten „120 Prozent“. Vielleicht wird Fußball dann auch wieder interessanter, kreativer und weniger verbissen ausgeübt, wie heute in zunehmendem Maße üblich. Immerhin wird der Sport als Fußball-Spiel und nicht als Fußball-Kampf bezeichnet, obwohl bei vielen Partien der zweite Begriff viel zutreffender wäre.

2017-05-04T00:21:14+00:00 Tags: |

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