Essen als Sport: Ist das moralisch vertretbar?

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Der Stellenwert von Nahrungsaufnahme ist in der heutigen Zeit sehr unterschiedlich. Mittel zur Erhaltung unseres Körpers, Hobby, Zeitvertreib, Genuss, Trost – was Essen für uns bedeutet hängt stark von der betroffenen Person und Situation ab. In seltenen Fällen ist Essen aber auch noch etwas ganz anderes … nämlich Sport.

Wer kann am meisten Essen runterwürgen, ohne sich zu übergeben?

Jede Gesellschaft hat ihre eigenen Sportarten. Da wundert es wenig, dass sich in einer Fastfood-Nation wie Amerika Competitive Eating (Wettessen bzw. Esssport) großer Beliebtheit erfreuen. Die Wettkämpfe werden von verschiedenen Lebensmittel-Herstellern organisiert, meistens im Rahmen einer Promotion-Aktion für ein bestimmtes Produkt. Dann heißt es: „Wer kann in einer bestimmten Zeit am meisten von dem beworbenen Zeug runterwürgen, ohne sich zu übergeben?“.

Ich hatte immer das Gefühl, dass sich bei solchen Aktionen nur ein paar verrückte Leute spontan überreden lassen da mitzumachen, um ein paar dutzend Leute zu unterhalten. Weit gefehlt, denn mittlerweile hat sich Wettessen zu einem Profisport entwickelt, der teilweise live im Fernsehen mit Fachkommentatoren übertragen wird. Außerdem wurden die International Federation of Competitive Eating und die Major League Eating gegründet, die alle Veranstaltungen nach bestimmten Regeln überwachen.

„Nathan’s Hot Dog Eating Contest“ als Superbowl des Wettessens

Ganz ungefährlich ist dieser Sport nämlich nicht. Die Athleten stopfen sich mit speziellen Techniken sehr schnell sehr voll, wobei natürlich die Regelungsmechanismen des Körpers umgangen oder abgeschaltet werden. Ist die Wettkampfdauer zum Beispiel zu lange angesetzt besteht die Gefahr, dass die Teilnehmer einfach zu viel Nahrung aufnehmen und innere Verletzungen folgen. Wie lange ein Wettkampf läuft, hängt hauptsächlich von der zu verschlingenden Speise ab.

Hier sind wiederum kaum Grenzen gesetzt – denn Produkte, die promotet werden wollen, gibt es genug: Pizza, Würste, gebackene Bohnen, Sandwiches, Torten, Burritos, Butter, Chicken Nuggets, Obst, Gemüse, Rinderhirn usw.. Die Champions-League des Essens, oder um es amerikanischer auszudrücken – der Superbowl, findet allerdings jährlich in New York (genauer gesagt auf Coney Island) in Form von einem Hot-Dog-Wettessen statt. Der Nathan’s Hot Dog Eating Contest ist mit Abstand der prestigeträchtigste Wettkampf des Jahres und wer hier gewinnt, geht für immer in die Geschichtsbücher dieser Sportart ein.

Takeru Kobayashi verbesserte das Image von Competitive Eating

Diese Veranstaltung war auch die Geburtsstunde des absoluten Superstars der Szene, der laut Insidern diesen Sport durch seine Professionalität und sein Training erst zu einem solchen werden ließ – Takeru Kobayashi. Als er 2001 als Nachwuchsesser an diesem Wettkampf teilnahm, pulverisierte er den bisherigen Rekord von 25 Hot-Dogs in zwölf Minuten, indem er einfach das doppelte in sich hineinschaufelte – also 50 Hot-Dogs. Die darauffolgenden sechs Jahre war er die dominierende Größe in diesem Sport, an der niemand vorbeikam. Er verbesserte seinen eigenen Rekord auf 53,75 Hot-Dogs und gewann so ziemlich jeden Wettkampf, an dem er teilnahm.

Hier ein Video. in dem er einen neuen Weltrekord im Hamburger-Essen aufstellt:

Auch Joey Chestnut und Sonya Thomas sind Vorzeige-Athleten

Erst 2007 wurde Kobayashi von Joey Chestnut vom Thron gestoßen, der ihn 66 zu 63 Hot-Dogs besiegte. Aktuell (2017) wird die Ess-Sport-Weltrangliste noch immer von Joey Chestnut angeführt.

Wie populär dieser Sport in Amerika tatsächlich ist, zeigt unter anderem dieser Werbespot für Mastercard, in dem Takeru Kobayashi und Sonya Thomas (die derzeit beste weibliche Esserin) mitspielen.

Selbst die Zeitschrift Sports Illustrated berichtet regelmäßig über Competitive Eating und verdeutlicht damit, dass der Sport genug Ansehen genießt, um sogar in einem renommierten Sportmagazin Erwähnung zu finden. Zusätzlich hat zum positiven Image beigetragen, dass mit Kobayashi und Chestnut zwei Athleten an der Spitze des Sports stehen, die dem bisherigen Image eines übergewichtigen Ess-Junkies so gar nicht entsprechen. Tägliches intensives Krafttraining steht bei den Stars etwa an der Tagesordnung, da der Körper die riesigen Mengen an Nahrung sonst nicht verarbeiten könnte.

Soweit der Überblick. Essen als Sport wirft jedoch berechtigterweise zwei moralische Fragen auf:

1. Ist Wettessen überhaupt Sport?

Man wird nirgends eine allgemeine Definition von „Sport“ finden, weil es nicht möglich ist, diesen Bereich scharf abzugrenzen. Nimmt man des Aspekt des „Leistungsvergleichs in Wettkampfform“ her, geht Ess-Sport als Sport durch. Nicht zuletzt haben auch Disziplinen wie Motorsport oder Denksport auf den ersten Blick wenig mit körperlicher Ertüchtigung zu tun.

Hinzu kommt, dass Athleten wie Kobayashi ihren Körper spezifisch trainieren, um so große Nahrungsmengen unbeschadet zu überstehen. Die Dehnfähigkeit des Magens wird in den Tagen vor Wettkämpfen beispielsweise durch das Trinken von großen Mengen Wasser verbessert. Körperfett im Bauchbereich hindert den Magen daran, sich auszudehnen. Deshalb achten Ess-Athleten besonders auf körperliche Fitness. Auch ausreichend Muskelmasse ist notwendig, um die aufgenommenen Kalorien schnell in Energie umsetzten und damit verwerten zu können. Daher veröffentlicht etwa der bekannte Ess-Youtuber Furious Pete neben seinen „ich-stopf-mich-mit-allem-Möglichen-voll“-Videos auch regelmäßig Beiträge über sein Fitness-Training. Competitive Eating wäre damit auch unter dem Gesichtspunkt des „sukzessiven Trainings um die körperliche Leistung steigern“ als Sport zu verstehen.

2. Ist Ess-Sport ethisch vertretbar?

Weltweit leiden Millionen von Menschen an Hunger, Kinder sterben an Unterernährung oder tragen Langzeitschäden davon, und bei uns stopfen sich die Leute aus Spaß so voll, dass sie sich (fast) übergeben. Das ist jetzt vielleicht ein wenig übertrieben formuliert, aber ich denke mein Punkt ist klar.

Auf der anderen Seite muss man wieder sagen, dass bei uns z.B. 100 Millionen Euro nur als Ablöse für einen Fußballspieler gezahlt werden, da fallen im Vergleich die paar Hot-Dogs auch wieder unter den Tisch. Die systematische Geldvernichtung im Sport schon gewohnt und daher ziemlich abgehärtet dagegen, während Essensvernichtung noch eher ein unangenehmes Gefühl in uns hinterlässt. Vermutlich weil der verlorengegange Zweck oder Effekt, den diese Lebensmittel bewirkt hätten, viel greifbarer ist als jener von Geld, aus dem schließlich alles Mögliche gemacht werden kann.

Findet ihr Wettessen in Ordnung?

Trotzdem stellt Vernichtung von Ressourcen, egal ob Geld oder Essen, immer das gleiche Symbol dar: „Uns geht es so gut, wir haben so viel, wir wissen gar nicht was wir mit unserem Überfluss anstellen sollen“. Aber dass wir uns (symbolisch) unsere Zigaretten mit 100 Euro Scheinen anzünden ist wohl kaum ein Phänomen des Sports, sondern ein gesellschaftliches. Und jede Gesellschaft hat schließlich die Sportarten, die sie braucht.

Wie steht Ihr dazu? Ist Wettkampf-Essen ein Sport, für den ihr euch begeistern könnt? Findet ihr die körperlichen Leistungen von Ess-Sportlern bewunderns- und nachahmenswert?

2017-09-04T11:29:19+00:00 Tags: |

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