Togos Nationalmannschaft unter Beschuss – leider nicht im sportlichen Sinne

WORLD CUP SOCCER:Togo- Switzerland

Die Fußballberichterstattung bedient sich seit jeher Begrifflichkeiten, die auch Kriege näher beschreiben würden. Angriffe der deutschen Nationalmannschaft werden in der englischen Boulevardpresse auch gerne mit Blitzkriegszenarien gleichgesetzt und aus einem gemütlichen Pokalspiel kann sehr schnell ein packender Pokal-Fight werden, wenn nur genügend Härte und Körperbetonung in das Spiel mit einfließen. Ein Trainer oder eine ganze Mannschaft kann unter Beschuss geraten, wenn die Ergebnisse nicht stimmen. In der Regel fliegt dann der Trainer und die Welt des Fußballs ist wieder in Ordnung. Diese ist aber seit dem Freitag vor Beginn des Afrika-Cups aus den Fugen geraten.

Die Nationalmannschaft Togos geriet am besagten Freitag auf einer Busfahrt in der angolanischen Exklave Cabinda unter Maschinengewehrfeuer. Verantwortlich dafür zeichnete sich eine Rebellengruppe namens FLEC, deren primäres Ziel es angeblich war, die den Bus beschützende angolanische Armee zu treffen. Sprecher dieser zweifelhaften Gruppe bezeichneten die drei Toten und zwei Schwerverletzten aus dem Tross der togoischen Nationalmannschaft als Kollateralschaden.

Der Busfahrer, der Pressereferent der Mannschaft und ein Co-Trainer wurden durch Maschinengewehrkugeln tödlich verletzt. Zwei Spieler wurden schwer verletzt: Torhüter Kodjovi Obidale vom französischen Amateurverein GSI Pontivy und Verteidiger Serge Akakpo.

Es ist schon mehr als bizarr, dass ein Tross von Fußballern zwischen die Fronten im bürgerkriegsumwitterten Schwarzafrika gerät. Doch welche Konsequenzen hat der Vorfall unmittelbar vor Beginn des Afrika-Cups in Bezug auf die im Sommer stattfindende Weltmeisterschaft in Südafrika? Muss jetzt, zum Schutze der teilnehmenden Fußballmannschaften über einen alternativen Austragungsort nachgedacht werden? Sollen die Schwarzmaler recht behalten, die Südafrika infrastrukturell nicht als potenten WM-Gastgeber anerkennen?

Richtig ist, dass Südafrika nicht Angola ist und richtig ist auch, dass der Weltverband FIFA andere Maßstäbe anlegt als dies der afrikanische Fußballverband CAF im Falle seines Turniers gemacht hat. Die Sicherheit der Spieler, von deren Gesundheit das gesamte europäische kapitalgestützte Fußballgewerbe abhängt, sehe ich nicht unmittelbar in Gefahr. Die Mannschaften werden einfach (und jetzt noch besser) militärisch bis ins letzte Detail abgeschirmt: Trainingsplätze werden weiträumig abgesperrt, Fahrtrouten diffizil geplant und die Stadiontore verwandeln sich vom Sicherheitsstandard her in Flughafenschleusen.

Nein, die Spieler sind nicht in Gefahr. Aber Fans müssen sich an spezielle Kodizes halten, wenn sie nicht Opfer von Gewalt werden möchten. An eine unbeschwerte, alkoholgetränkte Feiermeile nach deutschem Vorbild ist nicht im Entferntesten zu denken – sogar Fußballhooligans sollten sich nicht zu weit in rechtsfreie Räume hineinbewegen.

Einige Spieler selbst empfehlen ihren Verwandten und Freunden, die Fußball-WM lieber vom Fernseher aus zu verfolgen denn im Stadion live die Daumen zu drücken. Egal ob Rene Adler, Bastian Schweinsteiger oder Lukas Podolski, jeder hatte sich mit Unbehagen und Betroffenheit zum Anschlag auf die togoische Mannschaft geäußert.

Dass keine europäischen Sicherheitsstandards bzw. Infrastrukturvoraussetzungen als Vergleichsmaßstab für die WM 2010 gelten, war hoffentlich allen Beteiligten im Vorfeld klar. Dennoch bleibt uns heute nur die Hoffnung, dass im Sommer martialische Berichterstattung aus Südafrika lediglich in unmittelbaren Bezug zum Fußballspiel der teilnehmenden Mannschaften steht.

Quirin Fritz arbeitet in einer Sportredaktion und bloggt für betfair.

Ähnliche Beiträge:

  • Share/Bookmark

Autor: doxidox
Datum: Samstag, 23. Januar 2010 20:39
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Allgemein, Fußball, Zuschauer

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

Ein Kommentar

  1. 1

    Das war echt ne krasse Meldung. Wie in dem Artikel schon gesagt wurde, bin ich gespannt wie es tatsälich ablaufen wird. Eine Partymeile wie in Deutschland mit ausgelassener Stimmung, oder doch eher tägliche Berichterstattungen von übergriffen und ausgeraubten Fans…

Kommentar abgeben