Skigymnasium Saalfelden goes Freestyle

Copyright: www.freestylegymnasium.at

In den letzten Jahren hat sich der Freestyle Snowboard- und Freeski-Sport langsam aber doch seinen fixen Platz im Wintersportzirkus erkämpft. Doch so professionell die Freestyle-Wettkämpfe mittlerweile schon organisiert sind, im Bereich Ausbildung und Nachwuchstraining hinkt der Freestyle-Sport in den meisten europäischen Ländern dem alpinen Skisport immer noch hinterher. Mit ein Grund dafür ist sicher die geteilte Organisationsstruktur der Freestylewelt – wir haben in „Krieg der Snowboarder Teil 1 und Teil 2“ darüber berichtet.

Im Skigymnasium Saalfelden wird ab 2010 nun erstmals ein eigener Ausbildungszweig für Freestyle Snowboarder und Freeskier angeboten. Damit werden die professionellen Rekrutierungsstrukturen des Alpinen Wintersports auch den Freestylern zugänglich. Martin Gimpl ist Koordinator und Trainer dieser neuen Freestyle-Ausbildung, und hat mir einiges über die Ziele des neuen Zweigs, den Ablauf und die allgemeine Situation des Freestyle-Wintersports erzählt.

“Bei Olympia wird im Bewerb Snowboard Halfpipe heuer einiges zu sehen sein!”

debeanz: Martin, dein Bruder Stefan Gimpl kommentierte die Situation des Freestyle-Wintersports unlängst mit den Worten: „Das Snowboarden ist erwachsen geworden“ und „man setzt sich jetzt eben sportlich durch“ (nachzulesen hier). Wie seht ihr am Freestylegymnasium die aktuellen Entwicklungen im Freestyle Snowboard- und Freeski-Sport national und international?

Martin Gimpl: Ohne Zweifel: Der Freestyle Sport – im Besonderen Freeski – wird vor allem unter jungen Leuten immer populärer. Die jüngste Generation macht lieber stylische Tricks im Park als im Stangenwald um Hundertstel-Sekunden zu kämpfen. Im Bereich des Breitensports scheint es, als würde der Freeski-Sport das Freestyle Snowboarden verdrängen. Im Bereich des ambitionierten, leistungsorientierten Freestyle-Sports hingegen ist das Snowboarden nach wie vor sehr stark vertreten. Und das wird in den nächsten Jahren auch so bleiben. Neben der steigenden Popularität hat sich in jüngster Zeit aber auch das Leistungsniveau in beiden Freestyle Sportarten unglaublich in die Höhe geschraubt – da wird heuer bei Olympia im Bewerb Snowboard Halfpipe einiges zu sehen sein!

“Eine leistungsorientierte Ausbildungsmöglichkeit hat der österreichische Freestyle-Sport dringend nötig.”

debeanz: Und wie beurteilt ihr die aktuelle Ausbildungs- und Trainings-Situation im Freestyle-Bereich?

Martin Gimpl: Ein derartiges Niveau kann nur mittels professionellem und leistungsorientiertem Training erreicht werden. Und eine solche organisierte, leistungsorientierte Ausbildungsmöglichkeit auf Matura-Niveau gibt es in Österreich im Bereich Freestyle bislang noch nicht. Nordamerika und Skandinavien sind uns in dieser Hinsicht um einiges voraus, zumal der Freestyle-Sport in diesen Ländern einen wesentlich höheren Stellenwert im Wintersport hat als bei uns in Österreich. Aber auch in Österreich haben wir viele talentierte und motivierte Freestyler denen wir den Weg an die Weltspitze ermöglichen sollten. Und genau das wollen wir im Freestylegymnasium unseren Athleten bieten. Der österreichische Freestyle-Sport hat eine derartige Ausbildungsmöglichkeit (Freestyle Snowboard bzw. Freeski) dringend nötig.

Betreffend der Rahmenbedingungen und Infrastruktur haben wir in Österreich sicherlich Aufholbedarf. Erst in jüngster Zeit entstehen gute Snowparks, und gute Halfpipes (sprich fahrbare Super-Pipes) sind nach wie vor sehr dünn gesät in Österreich. Zusätzlich wird es auch immer wichtiger, dass talentierte Sportler von diversen Institutionen (z. B. Trainingskader, Freestyle-Schule) professionelle Unterstützung im Bereich des Trainings bekommen. Im Freestylegymnasium werden die Athleten professionell betreut, sie haben die Möglichkeit in guten Snowparks zu trainieren und können parallel dazu eine hervorragende Schulbildung absolvieren.

“Die Schüler können ihre Freestyle-Fähigkeiten bis hin zum Weltklasse-Athleten verbessern.”

debeanz: Welche Intention steckt jetzt genau hinter dem neuen Ausbildungszweig Freestyle am Skigymnasium Saalfelden? Welche Vorteile bietet eine solche Ausbildung gegenüber den bis jetzt üblichen Ausbildungswegen in den ÖSV-Jugendkadern und anderen Trainingsgruppen?

Martin Gimpl: Den Athleten/Innen wird durch eine professionelle und leistungsorientierte Betreuung die Möglichkeit geboten, ihre Fähigkeiten beim Freestyle Snowboarden bzw. Freeski von einem gewissen Basisniveau bis hin zum Weltklasse-Athleten zu verbessern und zugleich eine hervorragende schulische Ausbildung zu absolvieren (fünfjähriges Oberstufen-Realgymnasium mit Matura-Abschluss). Eine derart leistungssportorientierte Ausbildung erfordert ganzjährige Betreuung der Schülerinnen und Schüler im Sinne von Trainingsplanung, Trainingsvorbereitung, Trainingsdurchführung und Wettkampfbetreuung.

Ein wesentlicher Vorteil des Freestylegymnasiums ist, dass das Training in den Schulalltag integriert ist. Der Stundenplan ist den Trainings- und Wettkampfphasen angepasst. Zusätzlich haben die Athleten die Möglichkeit im angegliederten Internat unterzukommen. All das erleichtert eine zielführende Ausbildung, und neben der Schulbildung bleibt außerordentlich viel Zeit für das Training – sowohl am Schnee (im Park) als auch Trockentraining. Eine derart umfassende Betreuung kann kaum in einem Trainingskader oder dergleichen angeboten werden.

“Vorerst können wir nur mit ca. 5 Athleten beginnen, es wird sich aber voraussichtlich eine höhere Zahl an Athleten bewerben.”

debeanz: Im Skigymnasium Stams war ja auch bereits ein Freestyle-Ausbildungszweig geplant, der kam aber aufgrund von zu wenig Anmeldungen nicht zustande. Der Freestylezweig in Saalfelden startet 2010 mit 5 Ausbildungsplätzen. Wie erklärst du dir ein so geringes Interesse, obwohl doch unter den jungen Leuten der Freestylesport nach wie vor hoch im Kurs steht?

Martin Gimpl: Vermutlich gibt es schon eine höhere Anzahl an Freestylern die sich für eine derartige Ausbildung interessieren. Die Ausbildung ist jedoch auch mit Kosten für die Athleten (Eltern) verbunden und weiter müssen neben den sportlichen auch die schulischen Voraussetzungen erfüllt werden. Dennoch bin ich optimistisch, dass es für beide Bereiche (Freestyle Snowboard und Freeski) einige Interessenten geben wird.

Aus finanziellen und organisatorischen Gründen können wir in unserem neuen Ausbildungszweig vorerst nur mit ca. 5 Athleten beginnen. Voraussichtlich wird sich eine höhere Zahl an Athleten bewerben, die wir natürlich nicht alle aufnehmen können. Mittels einer Aufnahmeprüfung werden die besten 5 Athleten herausgefunden welche dann dabei sein können.

“Das Training wird sehr freestylespezifisch sein, und wird sich in eine Sommerperiode und eine Winterperiode gliedern.”

debeanz: Ok, ich seh schon, du bist was das Interesse betrifft sehr optimistisch :-) . Die wenigen Freestyler in Stams werden jetzt als Boardercrosser ausgebildet, mit einem Haufen Schneetraining, aber wenig freestylespezifisch. Wie wird in Saalfelden im Zweig Freestyle konkret das Training und der Schulalltag aussehen?

Martin Gimpl: Der Stundenplan ist den Trainings- und Wettkampfphasen angepasst. Das Training wird speziell auf die beiden Sportarten Freestyle Snowboard und Freeski abgestimmt, es wird also sehr freestylespezifisch sein. Die Trainingsphasen gliedern sich in eine Sommerperiode und in eine Winterperiode.

In der Sommerperiode gilt es, die konditionellen Voraussetzungen für das Snowboarden/Skifahren und die Wettbewerbe im Winter zu schaffen: durch Training der sportartübergreifenden Fähigkeiten (allgemeine Ausdauer-, Kraft- und Koordinationsfähigkeit) und durch gezielte und systematische Vorbereitung bzw. Training der verschiedensten sportartspezifischen Fähigkeiten. Besonderes Augenmerk wird in dieser Phase auf das Training der freestylespezifischen koordinativen Fähigkeiten gelegt. Dazu zählen zum Beispiel das Üben auf der „Slackline“ (Seiltanzen) oder Trampolinspringen.

In der Winterperiode dominiert das Freestyle-Training am Schnee. Unsere Athleten/Innen werden hervorragende Trainingsbedingungen in den umliegenden Snowparks vorfinden. Unter professioneller Betreuung können die Freestyler dann in den Disziplinen Big-Air, Slopestyle und Halfpipe ihre Fähigkeiten ständig verbessern.

“Unsere Athleten haben keine Vorschriften, bei welchen Bewerben sie mitfahren müssen. Wir bekommen weder von der FIS (ÖSV) noch von der TTR (Ticket to Ride-Tour) Fördergelder.”

debeanz: In unserem Bericht „Krieg der Snowboarder“ gings um die gespaltene Welt der Freestyle Snowboarder – Stichwort FIS- und TTR-Bewerbe. Michael Macho meinte in unserem Interview dazu, dass es gerade für Nachwuchsfahrer aufgrund der fehlenden Verbandsstruktur oft schwer ist bei der TTR-Tour Fuß zu fassen, und dass eigentlich jeder gute Fahrer die Chance bekommen sollte bei großen Events mitzufahren, egal ob jetzt TTR- oder FIS-Bewerb. Wie steht ihr zu diesem Thema, wie geht ihr in der Ausbildung damit um bzw. welche Message wollt ihr euren zukünftigen Schülern diesbezüglich mit auf den Weg geben?

Martin Gimpl: Ja, das Argument von Michael trifft schon zu. Man sollte aber nicht vergessen, dass es vermehrt kleinere, regionale Contests gibt wo junge Rider TTR Punkte sammeln können. Trotzdem: Eine etwas „straffere“ Verbands- und Conteststruktur würde den Rookies den Weg an die Spitze doch erleichtern. Andererseits passen diese „straffen“ Strukturen nicht so richtig zu uns Freestylern – und das ist auch gut so. That’s freestyle.

Unsere Athleten im Freestylegymnasium haben keine Vorschriften, bei welchen Bewerben sie mitfahren müssen. Wir bekommen weder von der FIS (ÖSV) noch von der TTR Fördergelder, also sind wir dahingehend ungebunden. Jeder Athlet darf selbst entschieden bei welcher Contest-Serie er seine sportliche Zukunft sieht – wenn das überhaupt notwendig ist.

debeanz: Martin, vielen Dank für die interessanten Ausführungen.

Infos und Bewerbung

Mehr Infos über den neuen Freestylezweig findet ihr auf www.freestylegymnasium.at. Bewerben könnt ihr euch für diese Ausbildung direkt bei Martin Gimpl unter Martin.Gimpl[at]sbg.ac.at.

Zur Person:
Copyright: www.uni-salzburg.at/Martin Gimpl

Martin Gimpl ist Magister der Sportwissenschaft und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Universitäts- Sportinstitut Salzburg. Am Skigymnasium Saalfelden wird er als Trainer und Koordinator für den Bereich Freestyle verantwortlich sein.

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Autor: debeanz
Datum: Montag, 4. Januar 2010 15:23
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