Training im Kindesalter: Ausdauertraining

Relay Race

Über Ausdauerbelastungen im Kindesalter kursieren, genau wie auch beim Krafttraining, noch immer sehr viele Halbwahrheiten und Volksweisheiten, die aus sportwissenschaftlicher Sicht aber schon längst überholt sind. Jeder von uns (besonders Mädchen und Frauen) kennt bestimmt den Satz “… aber überanstreng dich nicht, Kind!”.

Diese Bitte geht uns als Kind zwar sowieso bei einem Ohr hinein und beim anderen wieder heraus, aber sie fasst die Ansichten über das kindliche Herz-Kreislauf-System relativ gut zusammen: Es ist empfindlich und bei weitem nicht so leistungsfähig wie das eines Erwachsenen. Zum Glück wurde das schon von sehr vielen Studien im Laufe der letzten Jahrzehnte widerlegt.

Zu allererst einmal folgendes: Bei Kindern ermüden die Skelettmuskeln auf jeden Fall vor dem Herzmuskel. Die Befürchtung eines Zusammenbruchs aufgrund von Überanstrengung ist also so gut wie unbegründet! (mehr dazu noch am Ende des Beitrags).

Einer der Hauptgründe für die Annahme, dass das kindliche Herz-Kreislauf-System nicht so leistungsfähig ist wie das eines Erwachsenen, beruht schlichtweg auf dem direkten Vergleich. Erwachsene bringen, wie wir alle wissen, bei weitem bessere Leistungen als Kinder. Was aber wenn man einmal ein wenig genauer hinsieht und die individuellen Leistungsvoraussetzungen mit in Betracht zieht?

Unterschiedliche Voraussetzungen zwischen Kindern und Erwachsenen:

Jeder weiß, dass der kindliche Körper deutliche anders aussieht als der eines Erwachsenen. Der größte Unterschied besteht in der absoluten Länge der Extremitäten und der Länge im Vergleich zur Rumpflänge. So beträgt z.B. bei einem Säugling die Beinlänge nur ca. 1/3 der Gesamtkörperlänge, bei einem 6. Jährigen schon ca. 45% und bei einem Erwachsenen 50%.

Selbst wenn die relativen Beinlängen bei Schulkindern und Erwachsenen schon fast gleich sind, so ist die absolute Beinlänge dennoch äußerst unterschiedlich.

Lässt man jetzt also einen Erwachsenen und ein Kind jeweils eine bestimmte Strecke gleich schnell laufen, so wird das Kind natürlich wesentlich mehr außer Atem sein, weil es durch die kürzeren Beine wesentlich mehr und schnellere Schritte machen muss um die Geschwindigkeit zu erreichen. Logisch also dass die Belastung für das Kind auch höher ist.

Man kann demnach nicht so einfach den direkten Vergleich zwischen Erwachsenen und Kindern zur Beurteilung der Ausdauer-Leistungsfähigkeit hernehmen.

Haben Kinder jetzt also physiologisch betrachtet die selben Voraussetzungen für Ausdauerleistungen wie Erwachsene?

Jein. Man muss hier nämlich zwei verschiedene Paar Schuhe unterscheiden:

Aerobe Ausdauer (Energiegewinnung MIT Sauerstoffverwertung)

Ein sehr wichtiger Parameter für die aerobe Ausdauerleistung ist die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max). Sie gibt an, wieviele Milliliter Sauerstoff der Körper im Zustand der Belastung maximal pro Minute verwerten kann. Damit das Ganze aber noch Aussagekräftiger wird, kann man diesen Wert auch noch auf das Körpergewicht relativieren.

Interessanterweise erreicht man die Spitzenwerte dieser relativen maximalen Sauerstoffaufnahme irgendwo zwischen 10 und 20 Jahren. Danach fällt sie kontinuierlich ab. Kinder haben unter diesem Aspekt also sogar bessere Voraussetzungen für Ausdauerleistungen als Erwachsene.

Anaerobe Ausdauer (Energiegewinnung OHNE Sauerstoffverwertung)

In diesem Bereich ist der kindliche Körper dem des Erwachsenen physiologisch unterlegen. Bei dieser Art der Energiegewinnung entsteht als (vorübergehendes) Endprodukt Milchsäure (Laktat), das im Blut und im Muskel gespeichert werden muss. Die Speicherkapazität ist natürlich nicht unendlich, denn da es sich um eine Säure handelt wird das Milieu im Muskel immer saurer bis die energieliefernden Prozesse nicht mehr stattfinden können. Das ist dann genau der Punkt, an dem uns nach einem Sprint die Oberschenkel brennen und wir einfach nicht mehr weiterlaufen können.

Kinder haben nun eine viel geringere Laktattoleranz im Muskel bzw. im Blut: derzeit liegen die maximalen Laktatwerte bei trainierten Kindern bei ca. 6-10 mmol / l Blut, bei Erwachsenen bei 20 – 24 mmol / l Blut.

Dazu kommt, dass der kindliche Körper aus mehreren Gründen auch noch früher auf die anaerobe Energiegewinnung umstellt als der eines Erwachsenen.

Trainierbarkeit

Die Ausdauer ist bei Kindern in ihrer Gesamtheit (aerob und anaerob) sehr gut trainierbrar, wesentlich besser als z.B. Kraft oder Schnelligkeit. Man sollte aber einige Punkte berücksichtigen:

Aerobe Ausdauer:

  • Richtlinie für Belastungszeit: Lebensalter x 1,5 Minuten
  • Belastungshöhe: Puls ca. 180 minus Lebensalter
  • Bewusst langsames Anfangstempo (Bewegungsdrang der Kinder!)
  • Bewegungsmonotonie durch Spiele oder koordinative Aufgaben verhindern
  • Direkter Leistungsvergleich sollte vermieden werden
  • Individuelle Anpassung der Belastung

Anaerobe Ausdauer:

  • Belastungsdauer: ca. 10 bis 30 Sekunden
  • Ausreichende Pausen

Copyright: flickr/mikebaird

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Ausdauerbelastungen für Kinder keine gesundheiltichen Gefahren bergen. Die Tatsache, dass der Skelettmuskel vor dem Herzmuskel ermüdet, bedeutet eine weitgehende Sicherung. Dennoch ist darauf zu achten, dass ein systematischer Aufbau der Ausdauerbelastungen erfolgen soll. Am ehesten ist Vorsicht geboten bei maximalen anaeroben Belastungen, die bei sehr hoher Motivation entstehen können. Es kann in diesen Fällen zu einer völligen Erschöpfung des Kindes und kurzfristigen Kreislaufschwächen kommen.

Zusätzlich ist die Bewegung im Kindesalter ein wesentliches Element um Erfahrungen und Körpererfahrungen zu sammeln. Das ist auch der Grund warum ein ausgeprägter Bewegungsdrang bei Kindern existiert … nämlich um diese Erfahrungen im Verlauf der Kindheit zu gewährleisten.

Außerdem zeigen sich durch regelmäßige Belastungsreize auch schon in der Kindheit deutliche Anpassungserscheinungen des Körpers (z.B. Vergrößerung des Herzens, mehr rote Blutkörperchen, besser Kapillarisierung, …), die natürlich als eine Art Polster in das weitere Leben mitgenommen werden.

Lasst die Kinder sich also bewegen, denn das ist ohnehin die Beschäftigung, die ihnen am meisten Spaß macht.

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Autor: doxidox
Datum: Montag, 14. Dezember 2009 0:23
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3 Kommentare

  1. 1

    Training für Jugendliche ab dem 15-16 Lebensjahr würde ich empfehlen. Meiner Erfahrung nach hat man es in diesem Alter leichter, seinen Körper zu definieren bzw. Muskeln aufzubauen. Allerdings sollte man das Training nicht übertreiben, da man im Wachstum ist und zu hartes Training schwere Folgen haben kann.

  2. 2

    Gibt es Untersuchungen zur Gesamtausdauerleistung eines aktiven Kindes pro Woche? Ich habe Kinder im Alter von 5-9 Jahre und eine, alters- und größenberichtigte, Gegenüberstellung meiner und derer Aktivität wäre wahrscheinlich vernichtend… für mich.

    Kinder sind den ganzen Tag über aktiv. Jeden Tag Fußball, Turnen, Spielen… wäre mal interessant das konkret zu erfassen und zu vergleichen.

  3. 3

    Haha, ich muss gestehen dass ich mich damit noch nicht wirklich beschäftigt habe, aber bei der Vielzahl an Studien die es zum Thema Bewegung gibt könnte man sogar fündig werden.

    Ich denke auf jeden Fall auch dass der Vergleich für jeden Erwachsenen ernüchternd wäre. Aber das ist ja auch von der Natur her irgendwie so vorgesehen :)

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