Gunnar Prokop eröffnet neue Dimensionen für das taktische Foul

MT Melsungen v Rhein-Neckar Loewen - Toyota HBL

Bereits vor knapp einem Jahr habe ich mich zum Thema “Taktisches Foul” mit dem Artikel “Das taktische Foul – Spiegelbild unserer Moral” einigermaßen kritisch geäußert. Mir war damals allerdings nicht bewusst, dass es Herrn Prokop, seines Zeichens Trainer einer österreichischen Handballmannschaft, gelingen würde, das taktische Foul in eine neue Dimension zu erheben.

Was ist passiert – die Story ganz kurz erzählt: Die Handball-Damenmannschaft von Gunnar Prokop, Hypo Niederösterreich, verspielt ihren Vorsprung beim Heimspiel gegen die französische Mannschaft aus Metz gegen Ende des Spieles. Es steht plötzlich 27 zu 27 und das Spiel geht nur mehr wenige Sekunden. Die Damen aus Metz kommen noch einmal in Ballbesitz, schaffen noch einen allerletzten Angriff, der, wenn erfolgreich abgeschlossen, den Auswärtssieg der Französinnen in Wien bedeuten würde. Und dann passiert etwas, was es in Zukunft in keiner Sportart mehr geben kann und darf. Gunnar Prokop, Trainer der österreichischen Heimmannschaft, stürmt auf das Spielfeld, läßt die französische Spielerin voll auflaufen und rettet damit seiner Mannschaft ein Unentschieden.

Herr Prokop kommentiert seine Aktion mit: “Taktisch vollkommen richtig von mir”. Wer jetzt erwartet, dass Metz gegen das Ergebnis des Spiels heftigst protestiert – falsch gelegen. Auch der Trainer der Französinnen kommentiert die Aktion Prokops sinngemäß mit den Worten:” Unerfreulich  für unsere eigene Mannschaft, aber aus Sicht des Herrn Prokop verständlich”.

Vielleicht bin ich in meinem fortgeschrittenen Alter für Wettkampfsport nicht nur körperlich, sondern auch geistig nicht mehr geeignet. Aber wollen wir in Zukunft wirklich das folgende, virtuelle Szenario auf unseren Fußballfeldern sehen?

Wir sind im Spiel Bayern München gegen Real Madrid, es geht um den Gewinn der Championsleague, wir sind in der 6. und letzten Minute der Nachspielzeit, die Madrilenen führen 1 zu O. Allerdings sind die Kameras kaum mehr auf die Spieler gerichtet, denn die interessantesten Szenen spielen sich derzeit anderswo ab. Luis van Gaal, Trainer der Bayern, hat aus taktischen Gründen dem Schiedsrichter die Uhr abgenommen, er möchte natürlich, dass das Spiel noch wesentlich länger als 1 Minute läuft, weil seine Bayern ja hinten liegen. Jetzt läuft ihm vorerst mal der Schiedsrichter hinterher, er möchte seine Uhr wieder haben. Es würde jedoch sowieso keinen Sinn mehr machen weiterzuspielen, denn ohne Ball kein Spiel – der spanische Trainer hat aus taktischen Gründen inzwischen von den Balljungen alle Bälle vom Spielfeldrand entfernen lassen (1 Jahr kostenlose Big Macs für alle Jungs war ihm das schon wert). Ribery und Co. versuchen nun eine von den Zuschauern aus taktischen Gründen aufs Spielfeld geworfene Wodka-Flasche als Ballersatz ins Tor zu kicken. Der Linienrichter reklamiert ziemlich aufgeregt aber erfolglos abseits, denn er hat leider keine Fahne mehr – die wurde ihm von Uli Höness, dem Manager der Bayern, auf der Mittellinie aus der Hand gerissen, aus rein taktischen Gründen natürlich ….

Mir ist schon klar, dass es dem Zuseher nicht nur um ein klinisch sauberes, faires Spiel geht, wo der Bessere immer gewinnen muss, wo sich alle lieb haben und wo man sich in der letzten Minute eines Spiels noch absichtlich ein Eigentor schießt, damit der Gegner doch noch zu seinem Unentschieden kommt, das er sich aufgrund des Spielverlaufes eigentlich verdient hat.

Aber die Aktion von Gunnar Prokop geht meines Erachtens einen großen Schritt zu weit. Bei einer milden Bestrafung dieses Vergehens durch den Verband laufen wir im Sport Gefahr, jede moralische Glaubwürdigkeit in Bezug auf Fairness und Vorbildwirkung des Sports für die Jugend zu verlieren. Wenn Gunnar Prokop mit seiner Aktion mehr oder minder ungeschoren davon kommt, dann ersuche ich den Verband, allen jugendlichen Zusehern unter 12 Jahren bei diesem Handballspiel zu erklären, warum dieses Spiel so ausgegangen ist. Ich glaube, all diese Kinder werden sich desinteressiert abwenden und sich vielleicht bestenfalls eine andere Sportart suchen, oder aber vielleicht überhaupt kein Interesse mehr am Sport haben.

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Autor: theo
Datum: Montag, 2. November 2009 19:43
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