Training im Kindesalter: Krafttraining

Mother and daughter (4-5) exercising in balcony

Es ist vermutlich eine der ältesten und meistverbreiteten Volksweisheiten, dass intensives Krafttraining für Kinder ungesund ist. Wenn schon, dann bitte nur mit dem eigenen Körpergewicht, denn mehr vertragen die kindlichen Knochen nicht. Als abschreckende Folgeschäden werden meistens Wachstumsstörungen, Epiphysenschäden oder Bänder-, Sehnen- und Gelenksprobleme zitiert. In diesem Artikel möchte ich zeigen, warum dieser Standpunkt schon längst überholt ist und warum intensives Krafttraining für Kinder eine sehr gute Sachen sein kann.

Auf die Idee für diesen Artikel bin ich durch folgendes Video gekommen:

Wer mir die Behauptung aus der Einleitung nicht glaubt, dass es sich bei diesem Thema tatsächlich um eine Volksweisheit handelt, der soll nur kurz ein wenig über die vielen Kommentare auf Youtube fliegen. Aber zurück zum Thema:

Die ursprüngliche Abneigung gegen Krafttraining im Kindesalter baute zuallererst mal auf der falschen Annahme auf, dass Krafttraining bei Kindern keine Effekte zeigt. Diese Hypothese wurde aufgrund der bei Kindern noch sehr geringen Testosteron-Produktion aufgestellt. Dieses männliche Sexualhormon spielt beim Muskelaufbau eine wesentliche Rolle, was man anhand des rapiden Kraftzuwachses in der Pubertät beobachten kann.

Diese Annahme wurde aber durch einige Untersuchungen, wie z.B. jener von Faigenbaum (1996), widerlegt. Es kommt sehr wohl auch bei Kindern zu einer Erhöhung der Muskelmasse, wenn auch vielleicht in geringerer Form als bei Jugendlichen bzw. Erwachsenen.

Die Annahme, dass Krafttraining bei Kindern zu Wachstumsstörungen führen kann, entstand aus den negativen Auswirkungen schwerer körperlicher Arbeit auf das Wachstum der Kinder in früheren Zeiten. Diese Wachstumsstörungen sind aber im wesentlichen auf die damalige schlechte Ernährung der Kinder bzw. den generell ungesunden Lebensstil zurückzuführen.

Nach dem heutigen Wissensstand hat Krafttraining sogar den gegenteiligen Effekt zu dieser früheren Annahme. Kraftbelastungen wirken sich nämlich positiv auf die Knochendichte und die Stärke der anderen passiven Strukturen (Bänder, Sehnen, usw.) aus.

Außerdem stellen nach einer aktuellen Studie von Myer (2009) herunterfallende Gewichte und die unsachgemäße Benutzung von Geräten die größten Risiken beim Krafttraining mit Kindern dar. Dazu wurden in den Jahren 2002 bis 2005 alle Verletzungsfälle unter dem Stichwort “Weightlifting” analysiert und in Alters-Kategorien eingeteilt. Danach wurde analysiert um welche Art der Verletzung es sich handelt, um anhand dieser Daten Aussagen über die größten Gefahrenquellen in der jeweiligen Altersgruppe geben zu können.

Dabei zeigte sich, dass bei Kindern von 8-13 Jahren 2/3 der Verletzungen Unfälle (definiert durch herunterfallende Gewichte und  unsachgemäße Benutzung von Geräten) darstellen. Mit jeder darauffolgenden Altersgruppe (bis 30 Jahre) reduzieren sich Unfälle und werden ersetzt durch Gelenks- und Muskelverletzungen.

Des weiteren sollte man sich einmal folgendes vor Augen führen: Kinder werden bei den alltäglichsten Sporttätigkeiten schon sehr großen Belastungen ausgesetzt – Belastungen, die mitunter einem Vielfachen des eigenen Körpergewichts entsprechen. Zum Beispiel wirkt (je nach Bodenbelag und Kniewinkel) bei einer schnellen Abstopp- oder Abdruckbewegung schon das 3-4 fache Körpergewicht auf den kindlichen Stützapparat. Das selbe kann man z.B. auch bei einem Pressball beim Fußball annehmen. Bei einem Kinder-Skirennen auf Leistungsniveau wirkt auch in jeder Kurve ein Mehrfaches des eigenen Körpergewichts auf das Kind. Diese Belastung wird durch etwaige Schläge auf den Ski natürlich noch verstärkt.

Wie soll man also sein Kind auf solche hohen Belastungen vorbereiten, wenn man lediglich mit Teilen bzw. dem einfachen Körpergewicht arbeitet?

Man kann also nach dem heutigen Wissensstand mit Recht behaupten, dass selbst intensives Krafttraining für Kinder keine Gefahr darstellt. Ein paar sehr wichtige Grundvoraussetzungen gibt es allerdings schon:

Statische Belastungen mit sehr hohen Gewichten sind zu vermeiden. Auch absolut maximale Kraftbelastungen sind nicht empfehlenswert.

Durch solche Belastungen kann es sehr wohl zu Schäden der Epiphysenfugen eines Kindes kommen. Die Übungsausführung sollte daher zumindest zu einem gewissen Grad dynamisch sein. Besonders betroffen sind z.B. Sportarten wie Klettern (hohe Gewichte auf den Fingern) und Tanzen (Drehen/Stehen auf der Großzehenspitze)

Eine gründliche Technikschulung und ein langsames Heranführen an höhere Belastungen ist unbedingt notwendig.

Die größte Gefahr besteht, wie oben schon erwähnt, durch eine falsche oder unsachgemäße Benutzung von Trainingsgeräten. Dazu gehören auch falsche oder schlechte Übungsausführungen. Es liegt daher an der Aufsichtsperson darauf zu achten, dass solche Technikfehler vermieden werden.

Des weitern kann natürlich nicht einfach mit hohen Belastungen begonnen werden. Zuerst sollte hauptsächlich darauf geachtet werden, dass eine ausreichende Gelenks- und Körperstabilisierung vorhanden ist. Erst dann können, unter Beachtung der richtigen Technik, die Lasten erhöht und die Wiederholungen reduziert werden.

Die Verwendung von Trainingsmaschinen sollte wenn möglich vermieden werden.

Genauso wie bei Erwachsenen haben Trainingsmaschinen durch ihre Führung zwar einen gewissen Sicherheitsvorteil gegenüber freien Hanteln, sie verleiten aber in Folge dessen auch zu einer unsaubereren Übungsausführung. Da die Gelenksstabilisierung beim Krafttraining mit Kindern wie oben schon erwähnt eine große Rolle spielt, wäre es ratsam auf freie Gewichte zurückzugreifen. Bei Verwendung dieser müssen die Muskeln wesentlich mehr Stabilisierungsarbeit leisten, was auch Vorteile für die Gesamtaktivierung des Muskels bzw. der Muskelgruppe hat. Daher also lieber mit weniger Gewicht, dafür aber frei arbeiten.

Außerdem stellt das Organisieren von einer paar Hanteln und ein oder zwei Hantelstangen einen wesentlich kleineren Aufwand dar als die Beschaffung von Trainingsmaschinen.

Was sind also die wichtigsten Vorteile eines differenzierten Krafttrainings für Kinder?

  1. Günstige Auswirkung auf die Körperhaltung
  2. Vorbeugen von Verletzungen in anderen Sportarten
  3. Zusätzliche Verbesserung von Schnelligkeit und Koordination
  4. Ideale Grundlage zur Leistungsverbesserung in anderen Sportarten
  5. Höhere Festigkeit aller passiver Strukturen (Knochen, Bänder, Sehnen, …)
  6. Verbessertes Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl
  7. Beste Voraussetzungen und Konditionierung für ein weiteres gesundes und sportliches Leben

Einen sehr ähnlichen aber englischsprachigen Artikel gibt es auch noch hier.

Literaturverzeichnis:

Faigenbaum A.D. et al (1996); The Effects of Strength Training and Detraining on Children; The Journal of Strength & Conditioning Research. 10(2):109-114, May 1996.

Myer G.D. et al (2009); Youth Versus Adult “Weightlifting” Injuries Presenting to United States Emergency Rooms: Accidental Versus Nonaccidental Injury Mechanisms; The Journal of Strength & Conditioning Research. 23(7):2054-2060, October 2009.

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Autor: doxidox
Datum: Donnerstag, 29. Oktober 2009 8:26
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3 Kommentare

  1. 1

    [...] 2009 Oktober 29 Tags: Bonner SC, Krafttraining, RW Lessenich, Training by gunnarsohn Sport-Blog dokumentiert recht eindrucksvoll, warum Krafttraining schon im Kindesalter sinnvoll ist. Das solltet Ihr lesen und darüber nachdenken, mit welchen Trainingsmethoden zu Hause gearbeitet [...]

  2. 2

    Allgemein ist zu sagen, dass bei Krafttraining mit Kinder wirklich aufgepasst werden muss und ist auf keinen Fall mit dem Krafttraining von Erwachsenen zu vergleichen!!!

  3. 3

    [...] Ausdauerbelastungen im Kindesalter kursieren, genau wie auch beim Krafttraining, noch immer sehr viele Halbwahrheiten und Volksweisheiten, die aus sportwissenschaftlicher Sicht [...]

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