SPORTBLOG.CC Special: Abgang des letzten österreichischen Sporthelden (4)

Men's Super G - Alpine FIS Ski World Championships

Teil 4: Die Sportwelt nach Hermann Maier

Von medialen „Pseudo-Helden“ und „echten“ Sporthelden.

Die Fußstapfen des Hermann Maier sind nach seinem Abgang sehr groß. Welcher Sportler hat das nötige Potential, um seine Nachfolge anzutreten? Wir haben die gegenwärtige Sportwelt auf ihre „Volksheldentauglichkeit“ hin geprüft – nach strengen SPORTBLOG-Kriterien versteht sich… ;-)

Zu viele „Pseudo-Helden“

In Teil 3: der Medien-Mythos Hermann Maier wurde bereits über Identifikation gesprochen, und dass ein hoher Identifikationsfaktor in der Sportberichterstattung der Garant für hohe Einschaltquoten bzw. Leserzahlen ist.

Medien tendieren daher sehr stark dazu, Sportler möglichst emotionalisierend und heroisch darzustellen und zu inszenieren – auch wenn das nicht immer ganz der Realität entspricht. Aber das Publikum fordert nun mal emotional aufgeladene und personalisierte Geschichten.

Durch das unstillbare Bedürfnis nach Stars und Helden im Sport, werden heute so viele sportliche Identifikationsfiguren wie noch nie angeboten, darunter viele vermeidliche „Pseudo-Helden“ – jene Sporthelden also, die nur für und durch die Medien zu solchen gemacht werden.

Sportler werden heute schneller als ihnen lieb ist zu freiwilligen oder unfreiwilligen Akteuren in der theatralen Inszenierung des Mediensports. Als erfolgreicher Nachwuchssportler muss man sich oft fast schon wehren, nicht vorschnell von den Medien als Held „verkauft“ zu werden. Die Lebensdauer solcher künstlich inszenierter Helden währt nämlich erfahrungsgemäß nicht lange, und ein vorschnell inszenierter Heldenstatus schadet der Karriere und dem Image, wenn er dann im Nachhinein nicht aufrechterhalten werden kann.

Umso rarer sind heute daher „echte“ Sporthelden gesät, und umso interessanter ist es zu analysieren, welches Rüstzeug nötig ist, um als sportlicher Nationalheld in die Fußstapfen eines Hermann Maiers treten zu können.

Was braucht es zum Aufbau eines Volkshelden-Images des Kalibers „Hermann Maier“?

Die Antwort lautet eigentlich ganz einfach:

  • Konstante Erfolge in einer möglichst bekannten Medien-Sportart (in Österreich in erster Linie der Skisport, Fußball, Formel 1 und Tennis),
  • gepaart mit möglichst vielen der in Teil 2: Der Volksheld Hermann Maier angeführten Helden- und Persönlichkeitseigenschaften.

Welche Sportler haben also „echtes“ Heldenpotential?

Wir haben einige Kandidaten aus der gegenwärtigen Sportwelt auf ihre „Volksheldentauglichkeit“ hin geprüft:

Debeanz: Da fällt mir gleich mal der Thomas Geierspichler ein. Seine Biografie ist perfekter Stoff für eine glorreiche Heldengeschichte. Nach einem Unfall mit schwerer körperlicher Beeinträchtigung als Folge, kämpft er sich aus dieser ausweglos und hoffnungslos scheinenden Situation mit eisernem Willen nach oben und holt für Österreich überraschend und unerwartet die Goldmedaille im Rollstuhl-Marathon bei den Paralympics – David gegen Goliath. Sein Auftreten und seine Persönlichkeit: äußerst charismatisch und emotional positiv. Das Problem ist aber: Die Sportart Rennrollstuhl-Fahren hat in der österreichischen Bevölkerung und in den österreichischen Medien leider nicht den Status, den der Alpine Skisport hat. Außerdem ist es seit den Paralympics, was die sportlichen Erfolge betrifft, ja eher ruhig um ihn geworden.

Doxidox: Aja.

Debeanz: oder Werner Schlager.

Doxidox: Wieso der?

Debeanz: Er hat unerwartet als Außenseiter den Weltmeistertitel im Tischtennis geholt, in einer zuvor ausnahmslos asiatisch dominierten Sportart. Also wieder einmal David gegen Goliath. Das Problem ist aber auch bei ihm: Tischtennis ist keine bekannte Mediensportart und es fehlt daher in der breiten Bevölkerung das Konsumkapital für ihn. Interessant ist aber, dass er seitdem in China als DER Volksheld gefeiert wird – weil es für die Chinesen damals einfach so unglaublich war, dass er BESSER Tischtennis spielt als sie … :-) Und weil in China Tischtennis außerdem der Nationalsport Nummer 1 ist.

Doxidox: Naja, und was ist mit der Mirna Jukic? Die hat ja auch ca. ein Jahr das Pfeiffer’sche Drüsenfieber gehabt und war komplett außer Gefecht, nur um danach wieder (fast) alles zu gewinnen.

Debeanz: Ja das stimmt. Die kommt eventuell in Frage für mich – allerdings ist sie halt eine Frau. Und ich weiß nicht, ob Österreich emanzipationsmäßig schon bereit ist für eine weibliche Nationalheldin.

Doxidox: Uuuund … wenn der Markus Rogan so weiter macht, dann ist das ja auch eine Art Comeback. Weil was man so liest ist er ja wieder ganz gut in Form … in Dubai und so, wo er jetzt grad wieder war.

Debeanz: Aber der ist ja nicht verletzt oder so, der war einfach nur schlecht dieses Jahr.

Doxidox: Naja trotzdem, mit der ganzen peinlichen „Prügelaffäre“… :-)

Debeanz: Ja gerade deshalb fällt er für mich als Held durch, weil die Prügelaffäre alles andere als heldenhaft war. Helden müssen ja auch moralische Integrität an den Tag legen, und die (angebliche) Prügelei war alles andere als ein untadeliges Verhalten.

Doxidox: Aber wenn der jetzt wieder was gewinnt, dann wird das von den Medien sicher so ähnlich gehypt wie beim Hermann Maier.

Debeanz: Das kann schon sein, die Medien machen das sicher, aber trotzdem hat er durch diese Geschichte sehr viel von seinem guten Image und seinem Charisma eingebüßt. Und die Leute vergessen so was nicht. Perfekter Volksheld kann er jetzt keiner mehr werden.

Doxidox: Wie sieht das eigentlich bei Mannschaftssportlern aus? Die taugen ja eigentlich generell nicht so sehr als Volkshelden, weil eine Mannschaftsleistung ja von sehr vielen Leuten beeinflusst wird, das kann man nicht so gut einem einzelnen Menschen umhängen. Von daher fallen Leute wie der Thomas Vanek sowieso unter den Tisch.

Debeanz: Doch, das geht schon – Heldentum ist ja eine Kombination aus einzelgängerischer Selbstermächtigung und treuer Kameradschaft (siehe Artikel: Darf Frauenfußball zum Famielienkirtag werden?). Wenn ein Einzelner das entscheidende „Etwas“ zum Sieg beigetragen hat, also etwa das entscheidende Tor schießt oder Ähnliches, dann hat das schon Heldenpotential.

Doxidox: Aber gut, der Vanek hat ja sowieso viel zu wenig mit Österreich zu tun, als dass man ihn als den großen Helden pushen könnte. Da müsste er zumindest die Hälfte des Jahres bei uns sein – den hat aber glaub ich noch kein einziger Österreicher jemals live zu Gesicht bekommen! :-) Ok, bei der WM schon.

Debeanz: Das wäre nicht so das Problem, eher dass Eishockey in den Sportmedien nicht so der Renner ist. Wäre er Fußballer, würde die Welt sicher anders aussehen. Der wäre ganz sicher einer der größten Helden für die Leute!

Doxidox: Ok, das stimmt. Den Alexander Wurz hätten sie damals gerne gehabt, aber der hat halt leider nicht wirklich viele Erfolge verbucht … :-)

Debeanz: Ja, der hätte Potential gehabt. In der Formel 1 ist man in Österreich sicher ein heißer Anwärter für einen Volkshelden!

Doxidox: Ahhh, mir fällt grad noch wer ein! Da gibts ja diesen einen Diskuswerfer, der sich seine eigenen Trainingsgeräte in seiner Scheune baut! Der bei der Leichtathletik-WM jetzt 8. geworden ist … aber weil es eben keine Medaille war, ist es auch eher lau in den Medien rübergekommen … Gerhard Mayer heißt der! Das würde vom Namen her ja schon richtig passen!

Debenaz: Hehe. Aber der ist halt Diskuswerfer, was soll ich da noch sagen …

Doxidox: Das wäre mal ein Held. Der schweißt seine eigenen Geräte zum Trainieren in der Halle zusammen, und dann schmeißt er Sommer wie Winter die Disken aus der Scheune heraus !! Eine echte Rocky-Geschichte par excellence!

Debeanz: Yeah!! :-)

Doxidox: Da gab es im Juni einen Artikel im Standard über ihn (siehe In Franzensdorf wird an der Technik gefeilt). Vor allem die Bilder dazu sind echt der Hammer!

Debeanz: Und Skifahrer?

Doxidox: Die ganzen jungen kenne ich ja gar nicht – und Stockerlplätze hat da auch keiner konstant gemacht.

Debeanz: Auch die, die jetzt eventuelle nicht mehr so jung sind.

Doxidox: Eventuell der Mario Scheiber. Unter den älteren Skifahrern gibt’s leider keine Ersatz-Herminatoren.

Debeanz: Stimmt, sonst würde man sie ja schon kennen.

Doxidox: Unsere Skispringer wollen sie ja gerade vom Image her so ein bisschen zu den neuen Herminatoren aufbauen  habe ich das Gefühl. Den Thomas Morgenstern und vor allem den Gregor Schlierenzauer – aber die sind meiner Meinung nach viel zu jung, und von der Kommunikationsfähigkeit her wohl auch noch nicht so weit. Von denen kann doch keiner ein ordentliches Interview geben.

Fazit

Einerseits gibt es heute durch die medialen Mechanismen der Personalisierung, der Identifikation und der Emotionalisierung viel zu viele „Pseudo-Helden“. Die Sportkonsumenten und die Medien lechzen nach Heldenfiguren, und so wird jeder Sportler, der einmal in einer der großen Mediensportarten Erfolge verbucht, sehr gern und schnell zum Helden gepuscht.

Andererseits ist es aber offensichtlich schwer, die einfach und rasch zu formulierenden Heldenkriterien tatsächlich zu erfüllen, und sich damit von der Masse der Pseudo-Sporthelden abzuheben – wie unsere Analyse gezeigt hat.

Wie es weitergeht in der österreichischen Sportwelt wird die Zukunft zeigen. Wir bleiben natürlich dran, besonders am Fall Gerhard Mayer, dem österreichischen Rambo-Diskuswerfer ;-)

Teil 1: Der ÖSV-Skifahrer Hermann Maier
Teil 2: Der Volksheld Hermann Maier
Teil 3: Der “Medien-Mythos” Hermann Maier

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Autor: debeanz
Datum: Freitag, 23. Oktober 2009 5:35
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