SPORTBLOG.CC Special: Abgang des letzten österreichischen Sporthelden (3)

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Teil 3: Der “Medien-Mythos” Hermann Maier

Von Identifikation, der „relativierten Traumwelt“ und dem „Wiederauferstehungs-Mythos“ in der österreichischen Sportberichterstattung.

Wie haben letztendlich die Medien den erfolgreichen Skifahrer Hermann Maier zu dem Nationalhelden gemacht, der er heute ist? Eine Analyse der gängigsten medialen „Heroisierungs“-Strategien.

Bis jetzt sei zusammenfassend zum Phänomen Hermann Maier festgehalten: Hermann Maier war ÖSV-Skifahrer, und als solcher hat man in Österreich die denkbar beste Ausgangssituation für mythische Heldenverehrung – weil der Skisport im Österreichischen Nationalbewusstsein derart tief verankert ist, dass der er wohl zurecht als die „heilige österreichische Nationalkuh“ bezeichnet werden kann. (Teil 1: Der ÖSV-Skifahrer Hermann Maier)

Die sportlichen Erfolge von Hermann Maier, die zudem noch unter mythologisch klassischen, dramatischen Umständen erfolgten (der Unfall in Nagano und die heldenhafte, siegreiche Rückkehr danach – das David-gegen-Goliath Prinzip), gepaart mit dem Erfüllen fast aller Persönlichkeitseigenschaften eines typischen (Sport)helden, machten aus Hermann Maier eine Parade-Heldenfigur, wie sie die tollkühnsten Heldensagen nicht besser hätten erschaffen können. (Teil 2: Der Volksheld Hermann Maier)

Jedoch wurde in der Analyse des Phänomens Hermann Maier bis jetzt noch nicht die Rolle der Massenmedien berücksichtigt.

Die Rolle der Massenmedien bei der „Heroisierung“ eines Sportlers

Helden und Idole gab es immer schon. In der modernen Gesellschaft kommt den Massenmedien jedoch eine zentrale Vermittlerrolle im Heroisierungs-Prozess zu: Sie vermitteln die Normen und Wertvorstellungen einer Gesellschaft und beeinflussen damit die Bedürfnisstruktur, die Haltungen und die Gewohnheiten der Zuschauer. Der moderne Sportheld wird also erst durch die Medien erschaffen – ein Profisportler erlangt heute nur durch entsprechende Medienberichterstattung den Status eines Stars, eines Idols, oder eines Helden in einer Gesellschaft.

Identifikation – wichtigstes Schlüsselwort und Triebfeder im Heroisierungs-Prozess

Identifikation ist das Schlüsselwort und die Triebfeder jedes Heldenverehrungs-Prozesses. Identifikation bedeutet nichts anderes als ein intensives Rollenspiel: Der Sportfan gleitet durch das Beobachten des Sportgeschehens in den Medien von der Rolle des Zuschauers in die des Teilnehmers, er gibt dabei vorübergehend seine eigene Identität auf und nimmt durch die imaginäre Projektion seines Bewusstseins auf das Medienbild des Sportlers dessen persönliche und soziale Identität an (vgl. Norden/Weiß 2007:246). Der Sportfan sieht sich also selbst in der Rolle des Sportlers. Je höher und weiter verbreitet die Identifikation mit einem bestimmten Sportler in einer Gesellschaft ist, umso eher wird er den Status eines Nationalhelden erreichen.

Wie Medien Identifikation herstellen

Die Massenmedien ermöglichen allein durch ihre enorme Publikumsreichweite schon Identifikation in breitem Ausmaß. Abgesehen von dieser ohnehin bestehenden Tatsache, sind Medien aber auch bewusst darauf bedacht, das Identifikationspotenzial der dargestellten Sportler zu erhöhen – denn das garantiert ihnen gesteigertes Publikumsinteresse und hohe Einschaltquoten bzw. Leseranteile.

Aus diesem Grund wenden Medien zur Erhöhung der Identifikation mit Sportlern in der Sportberichterstattung gerne folgende zwei Prinzipien an:

Die relativierte Traumwelt:
Der präsentierte Sportler und seine Welt muss einerseits „perfekt“ sein, also die Sehnsüchte der Zuschauer von Glanz, Glamour und Erfolg bedienen. Andererseits muss diese präsentierte Traumwelt aber auch sichtbare „Risse“ haben, sie muss „relativiert“ sein, es müssen also ab und zu auch die menschlichen/emotionalen Seiten des Sportlers durchscheinen, um damit erst die nötigen Projektionsflächen für Empathie zu schaffen. (vgl. Quanz 1974: 16, 51)

Der Wiederauferstehungs-Mythos:
Eine in Österreich überaus beliebte mediale Erzählfigur zur Erhöhung des Identifikationspotentials. Dabei wird die Geschichte des Erfolgs nach schweren Krisen, nach langen Jahren der Entbehrungen, des harten Trainings usw. ausführlich und emotionalisierend präsentiert (vgl. Penz 2006:79). Der sportliche Weg Hermann Maiers nach seinem Motorrad-Unfall ist dafür prototypisch.

Wie Medien den Mythos Hermann Maier erschufen

Was hat das alles jetzt mit Hermann Maier zu tun? Aus den vorherigen Ausführungen soll folgendes hervorgehen:

Hermann Maier hatte ausgehend von seinen Erfolgen in der österreichischen Nationalsportart Skifahren, dem heldenhaften David-gegen-Goliath Comeback nach seinem Sturz in Nagano und seinen Persönlichkeitseigenschaften, die besten Voraussetzungen um ein mythologischer Volksheld zu werden. Aber er wäre es nicht geworden, hätten die Massenmedien nicht ihren entscheidenden Teil zu diesem Hype beigetragen.

Durch die Fokussierung der Medien auf ihre Einschaltquoten bzw. Leserzahlen, haben diese das Heldenpotential des Herminators natürlich sofort erkannt und bewusst die „relativierte Traumwelt“ und den „Wiederauferstehungs-Mythos“ des Hermann Maier inszeniert. Die Identifikation der breiten Bevölkerung mit Hermann Maier wurde damit in die Höhe getrieben und der letzte Schritt zum Nationalhelden war somit getan.

Hermann Maier wurde zum Idealbild des erfolgreichen Sportlers hochstilisiert, der in der Glanz- und Glamour-Welt des österreichischen Skisports lebt, aber trotzdem seine menschliche Seite in seinen bewegendsten Momenten nicht verloren hat. (relativierte Traumwelt)

Er wurde zudem zum Paradebeispiel des Wiederauferstehungs-Mythos, des Sportlers also, der nach einem langen und steinigen Weg voller Entbehrung, Askese, hartem Training und Rückschlägen, doch wieder seinen Weg an die Spitze findet. (Wiederauferstehungs-Mythos)

Was für ein Zufall, dass der Wiederauferstehungs-Mythos des „Comebacks nach dem Motorrad-Unfall“ auch gleichzeitig die „Wiederholung der Heldentat“ bedeutet hätte, und damit die Erfüllung jener letzten Eigenschaft, die Hermann Maier noch für den perfekten, unsterblichen Helden gefehlt hätte.

Vor diesem Hintergrundwissen ist jetzt auch die Tatsache besser verständlich, dass Journalisten in den letzten Jahren, hartnäckig und ohne Rücksicht auf die allmählich eintretenden Genervtheitserscheinungen der Leser/Zuschauer, Herbst für Herbst die Rückkehr des großen Hermann Maier ankündigten – angeblich immer „in der Form seines Lebens“ oder „fit wie nie“. Das fast perfekte „Wunder“ Hermann Maier sollte eben endlich perfekt sein.

Nun ist das große Heldenepos Hermann Maier vorbei. Der Ruhm wird ihm bleiben, vergessen wird man ihn sicher nicht.

Aber jedes Land braucht seine Helden. Was kommt also nach Hermann Maier? Wie sieht die nächste Heldengeneration aus? Wer hat das nötige Potential?

Mehr dazu in Teil 4: Die Sportwelt nach Hermann Maier

Teil 1: Der ÖSV-Skifahrer Hermann Maier
Teil 2: Der Volksheld Hermann Maier

Literaturverzeichnis:

Norden, Gilbert/Weiß, Otmar (2007): Sporthelden, S. 246. In: Hilscher, Petra et. al: Entwicklungstendenzen im Sport, Wien

Penz, Otto (2006): Sport und Medien. Über Mythen, Helden und Affekte, S. 79. In: Marschik, Matthias/Spitaler, Georg (Hrsg.): Helden und Idole. Sportstars in Österreich, Innsbruck

Quanz, Lothar (1974): Der Sportler als Idol. Sportberichterstattung: Inhaltsanalyse und Ideologiekritik am Beispiel der ‚Bild’-Zeitung, Argumentationen, Band 10, Gießen, S. 16, 51

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Autor: debeanz
Datum: Freitag, 16. Oktober 2009 3:34
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2 Kommentare

  1. 1

    [...] dazu in Teil 3: Der “Medien-Mythos“ Hermann Maier   Teil 1: Der ÖSV-Skifahrer Hermann Maier [...]

  2. 2

    [...] Teil 3: der Medien-Mythos Hermann Maier wurde bereits über Identifikation gesprochen, und dass ein hoher Identifikationsfaktor in der [...]

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