SPORTBLOG.CC Special: Abgang des letzten österreichischen Sporthelden (2)

Sports News - February 07, 2009

Teil 2: Der Volksheld Hermann Maier

Vom “unvollendeten” Heldentum des Hermann Maier und der “Wie-erschaffe-ich-einen-Sporthelden-Checkliste”.

Was machte Hermann Maier neben seinen sportlichen Erfolgen letztendlich zum bekanntesten Österreicher und zum letzten großen Volkshelden unseres Landes? Eine Analyse anhand spezifischer Sporthelden-Faktoren.

Die in “Teil 1: Der ÖSV-Skifahrer Hermann Maier“ beschriebene „Dunstwolke“ des heimatsehnsüchtigen, alpinsportlichen Nationalbewusstseins hat Hermann Maier in Österreich den Weg zum unvergesslichen Sporthelden geebnet. Diese Tatsache allein, nämlich dass Hermann Maier ÖSV-Skifahrer war, kann aber den Status des Herminators als bislang unübertroffenen Volkshelden noch nicht vollständig erklären.

Dazu bedarf es noch einer Verkettung von weiteren Umständen und Tatbeständen, die ich gerne und banal auch als “Wie-erschaffe-ich-einen-Sporthelden-Checkliste” bezeichne.

Konkret müssen für die erfolgreiche „Heroisierung“ eines Sportlers nämlich möglichst viele der folgenden Bedingungen erfüllt sein:

(die Liste wurde aus der unten angeführten Literatur zusammengestellt und hat natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit)

  • Bekanntheit
    Als ÖSV-Athlet in Österreich wohl das geringste Problem, zählt der Alpine Skisport in Österreich doch nach Fußball und Formel 1 zu den bekanntesten Mediensportarten.
  • Erzielen einer Rekord-, Höchst- oder außergewöhnlichen Leistung
    Ja, Hermann Maier war ein begnadet GUTER Skifahrer. Die Liste seiner Siege kennen wir alle.
  • Dramatische Umstände
    Hier wird’s interessant: Die Umstände, unter denen die heldenwürdige Leistung erbracht wurde, müssen stets dramatische sein. David muss immer irgendwie Goliath besiegen und der uralte Mythos muss sich wiederholen. Der
    Unfall in Nagano war äußerst dramatisch. Erstens war es ein „Wunder“, dass Hermann Maier nur mit leichten Blessuren davon gekommen ist. Zweitens gelang es ihm, trotz der erlittenen Verletzungen, schon wenige Tage später die Goldmedaillen im Super-G und Riesenslalom zu gewinnen. Damit hatte er aus einer dramatischen, schier hoffnungslosen Situation heraus trotzdem den unerwarteten Sieg errungen – David gegen Goliath. Der Heldenstatus war damit schon (fast) gesichert.
  • Moralische Integrität
    Ein Sportheld muss neben all seinen Erfolgen aber auch moralische Integrität beweisen – also ein untadeliges Leben führen und Fair-Play, Großmut, Rechtschaffenheit, usw. an den Tag legen. Naja, probiert hat Hermann Maier das jedenfalls denke ich.
  • Vertrauen und Glaubwürdigkeit
    Wenn von Vertrauen im Sport gesprochen wird, dann gilt dieses zumeist im Sinne eines sauberen, dopingfreien Images. Das lasse ich im Fall Hermann Maier einmal gelten, denn Österreich ist sowieso „a too small Country for good doping“. Unter Glaubwürdigkeit kann ein konstant widerspruchsfreies und authentisches Auftreten und Verhalten des Sportlers verstanden werden. Das hat Hermann Maier wohl auch ganz gut hinbekommen.
  • Charisma
    Viel zitiert, subjektiv und kaum jemals erfass- oder messbar. Es wird oft gleichgesetzt mit der Ausstrahlung eines positiven und überhöhten Lebensgefühls, mit Angstfreiheit, unerschütterlichem Urvertrauen und Ähnlichem. So gesehen durchaus eine der Spezialitäten von Hermann Maier.
  • Emotionale Stabilität
    Die „Sonnenseite“ eines Sportlers, die möglichst konstant dargestellt und ausgelebt werden sollte. Ein positiv und kraftvoll auftretender Sportler also, der Freude und Spaß am Sport vermittelt. Auch diesen Punkt würde ich bei Hermann Maier als erfüllt betrachten.
  • Kommunikationsfähigkeit
    Eine sehr wichtige Eigenschaft im Zeitalter der Massenmedien. Hierunter kann prinzipiell die Fähigkeit verstanden werden, sich zur eigenen Person zu bekennen und seine Talente und Persönlichkeit aber vor allem auch glaubhaft über die Medien vermitteln zu können. Deshalb bekommen ÖSV-Athleten auch bis hinunter in die C-Kader Sprech- und Mediencoaching. Bei Hermann Maier denke ich hat’s dazu gereicht, auch diesen Punkt als erfüllt abzuhaken.
  • Körperliche Attraktivität
    Oh ja … natürlich unbestritten Geschmackssache. Hier hat das Management von Hermann Maier aber natürlich seinen Teil dazu beigetragen, den Herminator als körperlich attraktive Persönlichkeit zu vermarkten und darzustellen. Man erinnere sich nur an die vielen NEWS-Fotoreihen, in der sich jeweils Muskelfoto an Muskelfoto reihte.
  • Männlichkeit
    Auf dieses Helden-Kriterium wurde schon genauer im SPORTBLOG.CC-Bericht “Darf Frauenfußball zum Familienkirtag werden” eingegangen. Tatsächlich ist es so, dass sportliches Heldentum nach wie vor eine männliche Angelegenheit ist – denn ein Sportheld verkörpert in seinen Eigenschaften die Reinkarnation des klassischen literarischen  Helden. Und der ist nun mal ritterlich-männlich. Der Punkt Männlichkeit geht damit ebenfalls an Hermann Maier.
  • Wiederholung der Heldentat
    Trotz jährlicher, hartnäckig gegenteiliger Beteuerungen österreichischer Medien, ist Hermann Maier dieses letzte Helden-Attribut bis zuletzt verwehrt geblieben. Die Wiederhohlung seiner “dramatischen Heldentat”, die neuerliche Demonstration seiner “Unbesiegbarkeit”. Nach seinem schweren Motorradunfall, den er, so Gott wollte, ebenfalls weitgehend unbeschadet überstanden hatte, hat die gesamte Ski-Welt auf ein neuerliches “David-gegen-Goliath” Comeback gewartet. Doch es hat eben einfach nicht sollen sein.

Die Analyse macht deutlich, dass Hermann Maier alle der genannten Helden-Faktoren erfüllt, mit Ausnahme des letzten Punktes, der ”Wiederholung der dramatischen Heldentat”. Diese spezifischen Helden-Attribute, in Kombination mit dem tief im österreichischen Nationalbewusstsein verankerten Ski-Mythos, haben Hermann Maier zur (fast) perfekten österreichischen Heldengestalt gemacht.

Die letzte fehlende Helden-Eigenschaft, die “Wiederholung der Heldentat”, wollten Journalisten und Medien in den letzten Jahren nach dem Motorradunfall immer wieder inszenieren. Durch die mediale Zelebrierung des  ”Wiederauferstehungs-Mythos” sollte das “Wunder“ Hermann Maier endlich perfekt sein…

Mehr dazu in Teil 3: Der “Medien-Mythos“ Hermann Maier

Teil 1: Der ÖSV-Skifahrer Hermann Maier

Literaturverzeichnis:

Gebauer, Gunter (Hrsg.) (1988): Körper- und Einbildungskraft. Inszenierungen des Helden im Sport, Reihe historische Anthropologie, Band 2, hrsg v. Forschungszentrum für Historische Anthropologie der Freien Universität Berlin, Berlin, S. 136ff

Grupe, Ommo (2000): Vom Sinn des Sports. Kulturelle, pädagogische und ethische Aspekte, Schorndorf, S. 245

Lessinger, Eva-Maria (2006): „We don’t kich it like Beckham“: Die deutsche Fußballprominenz, In: Holtz-Blacha, Christina (Hrsg.): Fußball – Fernsehen – Politik, Wiesbaden, S. 277

Schlicht, Wolfgang (2000): Sieger, Helden und Idole, S. 215f. In: Schlicht, Wolfgang/Lang, Werner (Hrsg.): Über Fußball. Ein Lesebuch zur wichtigsten Nebensache der Welt, Schorndorf, S. 210-223

Schwier, Jürgen/Schauerte, Thorsten (2008): Soziologie des Mediensports, Köln, S. 213

Thiel, Erhard (1991): Sport und Sportler – Image und Marktwert. Einsatzmöglichkeiten im Marketing, Landsberg/Lech, S. 12, 19f, 36f, 39f

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Autor: debeanz
Datum: Mittwoch, 14. Oktober 2009 23:58
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4 Kommentare

  1. 1

    [...] Mehr dazu in Teil 2: Der Volksheld Hermann Maier [...]

  2. 2

    [...] Die sportlichen Erfolge von Hermann Maier, die zudem noch unter mythologisch klassischen, dramatischen Umständen erfolgten (der Unfall in Nagano und die heldenhafte, siegreiche Rückkehr danach – das David-gegen-Goliath Prinzip), gepaart mit dem Erfüllen fast aller Persönlichkeitseigenschaften eines typischen (Sport)helden, machten aus Hermann Maier eine Parade-Heldenfigur, wie sie die tollkühnsten Heldensagen nicht besser hätten erschaffen können. (Teil 2: Der Volksheld Hermann Maier) [...]

  3. 3

    [...] mit möglichst vielen der in Teil 2: Der Volksheld Hermann Maier angeführten Helden- und [...]

  4. 4

    [...] Bereits im Special über den Abgang von Hermann Maier  haben wir das Heldenpotential von Markus Rogan kurz analysiert. (nachzulesen hier) [...]

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