Wenn der Athlet zur Nebensache wird …

Swimming Day Three - 13th FINA World Championships

… hat man in einer Sportart definitiv etwas falsch gemacht. Genau das hat die FINA bis Jahresende aber geschafft und den Schwimmsport damit an die Grenze einer Farce getrieben.

Über die neuen High-Tech-Anzüge im Schwimmsport haben wir hier im Blog (1, 2) ja schon öfters geschrieben. Bis vor kurzem sah es allerdings so aus, als hätte die FINA es doch grade noch rechtzeitig geschafft durch neue Regelungen dieser (dem Sport eher abträglichen) Entwicklung Einhalt zu gebieten.

Im Zuge der Exekution dieser neuen Richtlinien für Schwimmanzüge wurden von allen 348 eingereichten Modellen nur 202 zugelassen, 136 wurden mit der Bitte um Anpassung an die Hersteller zurückgeliefert und 10 fielen wegen nicht regelkonformen Auftriebswerten bzw. Dicken gleich durch den Rost. Das hatte zur Folge, dass bereits mit diesen “Wunderanzügen” geschwomme Rekorde nicht anerkannt wurden, da laut Meinung der FINA keine Chancengleichheit gegeben war.

Das Hauptproblem der nicht zugelassen Anzüge war großteils eine eventuelle Bildung von Luftpolstern unter den Anzügen, die einem Schwimmer theoretisch Vorteile liefern. Außerdem spielte das Material Polyurethan eine große Rolle. Bisher waren bei den meisten Anzügen nur Einsätze dieses Materials vorhanden, die neuesten Modelle von verschiedenen Herstellern sind aber komplett damit überzogen und liefern dadurch deutlich höhere Auftriebswerte.

Bis hier her scheint die Sache ja in Ordnung, aber dann zerstört die FINA mit einem Schlag ihre neu gewonnene Kredibilität. Am 22.6. veröffentlichte sie die endgültige Liste der erlaubten Anzüge bis Jahresende, auf der plötzlich wieder alle Anzüge vertreten sind, sogar die 10 Modelle die damals sofort verboten wurden. Begründet wurde die Entscheidung damit, dass die Analyse der veränderten Anzüge in Hinsicht auf die kommende WM (19.07.-02.08.) nicht mehr realisiert werden kann. Eine Bedingung ist allerdings, dass jeder Anzug für jeden Athleten zugänglich sein muss – um die Chancengleichheit zu wahren.

Zum einen hat sich die FINA damit selbst fast dazu gezwungen, die vorher nicht anerkannten Rekorde nun doch offiziell zu bestätigen, was in einigen Fällen auch passiert ist, in anderen aber nicht. Das führte natürlich zu heftigen Diskussionen.

Zum anderen scheint sich in den letzten Wochen bis zur WM in Rom eine wahres Wettrüsten anzukündigen, da natürlich alle Schwimmer nun versuchen noch einen dieser “Rekordanzüge” zu ergattern. Schwierig macht das allerdings der Umstand, dass die Hersteller wegen der ungewissen Zulassung natürlich nur wenige Anzüge produziert haben und deswegen die gelagerten Vorräte nicht mal Ansatzweise für die plötzliche große Nachfrage reichen.

Wer sich so glücklich schätzen darf zum erlesenen Kreis der Superstars zu gehören, der darf sich hier natürlich ganz vorne anstellen und zwischen allen Anzügen bzw. Herstellern auswählen. Diese Leute werden auch die nächsten Wochen hauptsächlich damit verbringen, alle Anzüge ausführlich zu testen um somit den (für sie) schnellsten zu finden. Da soll die FINA noch mal was von Chancengleichheit erzählen.

Man darf also damit rechnen dass auch bei der kommenden WM wieder sehr viele Rekorde fallen werden. Das Problem ist allerdings, dass es sich dabei eher um eine “Konstrukteurs-WM” wie in der Formel 1 handeln wird, denn das erste was ganz sicher jeder Schwimmer nach einem Sieg oder Rekord gefragt wird ist, welchen Anzug er denn verwendet. Sollte sich dann die Überlegenheit eines Herstellers herauskristallisieren (so wie bei den Spielen in Peking), interessieren die Leistungen sowieso keinen mehr.

Das hat man sich bei der FINA ja wirklich toll überlegt. Aber immerhin gilt die Regelung nur bis Jahresende. Was dann kommt kann ich mir nur als riesengroßes schwarzes Loch vorstellen, denn wenn diese Luftmatratzen von Schwimmanzügen plötzlich verboten sind, wird es mit Rekorden auf einmal ganz schlecht aussehen. Aber vielleicht lässt man sich ja auch dann wieder (mit welchen Mitteln auch immer) davon überzeugen, keine echte Selektion durchzuführen.

Für die Hersteller dürfte sich die Investition in diese High-Tech-Anzüge jedenfalls finanziell lohnen, schließlich ist mittlerweile schon jeder 10-Jährige bei Wettkämpfen mit einem 500 €-Anzug unterwegs den sich die (mehr oder weniger) ehrgeizigen Eltern für ihr Kind geleistet haben.

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Autor: doxidox
Datum: Dienstag, 30. Juni 2009 21:20
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